Monatsarchiv für Dezember 2010

Gemeinsame Stellungnahme der Linksjugend, Naturfreundejugend, SJD – Die Falken und SDAJ Dortmund zu dem Überfall von Faschisten auf die Hirsch-Q in der Nacht vom 11. auf den 12.12.2010

In der Nacht vom 11. auf den 12.12.2010 kam es erneut zu einem organisierten Überfall Dortmunder Faschisten auf die Kneipe „Hirsch-Q“ auf der Brückstraße in der Dortmunder Innenstadt. Mindestens sechs Personen wurden teils schwer verletzt, als die Angreifer in das Lokal stürmten und auf die Gäste einschlugen. Eine Person wurde dabei mit einem Messer niedergestochen. Mehrere Personen mussten mit Rettungswagen in umliegende Kliniken eingeliefert werden. Unser Mitgefühl und unsere Solidarität gilt den Opfer des Angriffs in dieser Nacht sowie allen andere Personen, die in den letzten Jahren in das Visier des faschistischen Terrors geraten sind.

Die Dortmunder Faschisten haben an diesem Wochenende ein weiteres Mal unter Beweis gestellt, dass Faschismus keine missliebige Meinung ist, sondern schlichtweg eine verbrecherische Ideologie. Die Faschisten nehmen bei ihren Angriffen Tote billigend in Kauf. Die Liste ihrer Angriffe, Überfälle und weiteren Verbrechen, die sich vornehmlich auf engagierte und fortschrittliche Personen, Gruppen und Parteien richtet, ist lang: traurige Höhepunkte neben den Überfällen auf die Hirsch-Q sind u.a. der Angriff auf die 1. Mai-Demonstration des DGB 2009 sowie bislang vier Morde an drei Polizisten und einem Punk.

Angesichts dieser Tatsachen ist es mehr als offensichtlich, dass hiermit eine Strategie verbunden ist. Durch gezielte Einschüchterungen und Angriffe sollen Menschen davon abgehalten werden sich den Faschisten entgegen zu stellen und in ihrer Politik behindert werden. Einzelpersonen und Gruppen werden beispielsweise durch Anschläge auf Wohnhäuser und Büros, Provokationen auf der Strasse, körperliche Gewalt und Denunziation im Internet unter Druck gesetzt. Lassen wir ihre Strategie nicht aufgehen!

In der Presse und sonstiger Öffentlichkeit hingegen wird immer noch unbeirrt das Bild der gegenseitigen Auseinandersetzungen zwischen „Linken und Rechten“ gezeichnet. Manchmal sind es gar nur Kneipenschlägereien. Die Beweggründe bleiben mit Verweis auf die wenig erhellenden Polizeiberichte unbenannt. Diese Art der Berichterstattung und Darstellung ist nicht hinnehmbar. Sie verschleiert den wahren Charakter der Vorfälle, denn es sind Überfälle und Angriffe, keine Auseinandersetzungen oder einfach Schlägereien. Sie verschweigt die Motivation der Faschisten und entpolitisiert dadurch das Geschehen. Und sie unterstützt die Kriminalisierung der Opfer, wie sie durch die Polizei oftmals durch Erkennungsdienstliche Behandlungen, Ingewahrsamnahme etc. praktiziert wird, indem sie den Angegriffenen eine Mitschuld im Rahmen einer Auseinandersetzung unterstellt.

Polizei und Justiz fallen indessen vor allem durch Inaktivität bei der Verfolgung rechter Straftaten auf. Dies führt soweit, dass Aussteiger aus der faschistischen Szene in Dortmund berichten, wie verwundert die „Kameraden“ immer wieder darüber sind, was sie alles machen können, ohne von Polizei und Justiz belangt zu werden. Dabei wird nicht nur gegen einzelne Personen der rechten Szene nur halbherzig vorgegangen, auch die faschistischen Organisationen und Gruppen werden als solche nicht ernsthaft ins Visier der Ermittlungen genommen. Warum sonst werden die juristischen Möglichkeiten, die es durchaus gibt (z.B. § 129, § 129a, § 130 StGB), nicht konsequent ausgeschöpft? Warum werden die Opfer der Faschisten kriminalisiert?
Liegt es vielleicht daran, dass mit einem konsequenten Kampf gegen die faschistische Szene auch ein Bekenntnis zu deren besonderer Stärke in Dortmund verbunden wäre? Würde ein konsequente Verfolgung ihrer Straftaten als politisch motivierte die Statistik unangenehm in die Höhe treiben und das Image der Stadt negativ beeinflussen? Es scheint, als wäre dies die große Befürchtung der Stadtoberen. Fürchten sie einen Imageverlust mehr als den Verlust des Lebens einiger MitbürgerInnen?

In vollmundigen Worten wird von Zeit zu Zeit die Weltoffenheit und Toleranz der Stadt versichert und in der Tat hat sich ein wenig bewegt in den letzten Jahren. Mit einem Koordinierungsbüro für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, das aus Haushaltsmitteln eingerichtet wurde, oder mit dem Kauf eines Hauses, dass von den Faschisten zum „nationalen Zentrum“ ausgebaut werden sollte. Doch dies ist längst nicht genug. Eine aktive und entschlossene Politik ist nötig, die den Faschisten die Handlungsspielräume nimmt und sich gegen ihre Aufmärsche und Veranstaltungen stellt. Vor dem Hintergrund, dass die Faschisten vor allem junge Menschen ansprechen, gehört dazu auch, dass nicht an allen Ecken und Ende die ohnehin zu knappen Gelder für die Jugendarbeit, die Schulen und Jugendzentren gekürzt werden. Dazu gehört auch Ausbildungsplätze anzubieten und Azubis nach der Ausbildung im erlernten Job zu übernehmen. Dazu gehören nicht kommerzielle Freizeit- und Sportmöglichkeiten.

Wer hingegen die letzten Euros den Banken in den Rachen wirft oder teure Prestigebauten errichtet, der sollte sich nicht wundern, wenn die braunen Rattenfänger ihren Nutzen aus der Situation und Perspektivlosigkeit der Menschen ziehen. Denn dies ist ihre objektive Rolle in unserer Gesellschaft: Sie lenken die Frustration und den Protest der Menschen in systemkonforme Bahnen, spalten die arbeitende bzw. arbeitslose Bevölkerung durch die Verbreitung rassistischer Ideologien und gehen – wie die Vorfälle in Dortmund zeigen – mit äußerster Brutalität gegen fortschrittliche Bewegungen vor. Für uns als Organisationen der arbeitenden und lernenden Jugend ist klar, dass der Kampf für unsere Grundrechte immer auch den Kampf gegen den Faschismus beinhaltet. Doch wir wissen auch, dass es solange wir den Kapitalismus nicht überwunden haben, wir immer wieder mit diesem Problem konfrontiert sind.

Daher gilt für uns:
Kampf dem Faschismus!
Kampf dem Kapitalismus!
Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt!

Polizeirepression nach antifaschistischer Demonstration in Dortmund – Meldet euch bei der Roten Hilfe!

Am vergangenen Sonntag haben Antifaschistinnen und Antifaschisten eine spontane Demonstration in der Innenstadt durchgeführt. Diese Demonstration war eine erste Reaktion auf den hinterhältigen und brutalen Angriff in der Nacht von Samstag auf Sonntag von ca. 15 Neonazis der “Skinheadfront Dortmund-Dorstfeld” auf Gäste der Kneipe Hirsch-Q. Eine ausführliche Berichtsammlung ist unter der Adresse
http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2010/12/12/naziterror-in-dortmund-rechte-greifen-mit-messer-an_5206
zu finden.

Nach der Demonstration kam es im Bereich der Innenstadt zu willkürlichen Personenkontrollen und Verteilen von Platzverweisen und Anzeigen.
Wen ihr davon betroffen seit, meldet euch bitte bei der Ortsgruppe Dortmund/Bochum der Roten Hilfe e.V.
Die (verschlüsselte) Kontaktmöglichkeiten findet ihr unter der Adresse http://rotehilfebochumdortmund.blogsport.de/kontakt/

 

Für die inklusive Ganztagsgesamtschule

Wir dokumentieren ein Interview der Wochenzeitung UZ mit Yinka Aranmolate von der Landesschülervertretung NRW

UZ: In Nordrhein-Westfalen ist nach dem Regierungswechsel Bewegung in die Schuldiskussion gekommen. Eure Landesschülervertretung hat sich am vergangenen Wochenende auf einem Seminar darüber verständigt, was von den Versprechungen der Regierung zu halten ist. Zu welcher Beurteilung seid ihr gekommen?

Yinka Aranmolate: Das Seminar haben wir zusammen mit der DGB-Jugend veranstaltet. Es waren Schüler da, vor allem Schülervertreter aus verschiedenen Städten in NRW und wir haben erst mal darüber geredet, was im Koalitionsvertrag steht. Dabei ist uns aufgefallen, dass alles schwammig formuliert ist. Und auch im Gespräch, das die Landesschülervertretung mit der Bildungsministerin, Frau Löhrmann, geführt hat, hatten wir das Gefühl, nicht wirklich klare Antworten zu bekommen.

Dass die rot-grüne Regierung nun mal eine Minderheitsregierung ist, macht es schwerer einzuschätzen, was uns erwartet. Die nächsten paar Monate zeigen, was genau dann tatsächlich passiert. Das, was bis jetzt passiert ist, z. B. bezogen auf die Schulform, hat uns und auch die meisten Schülervertreter schockiert. Wir haben einerseits den G8/G9-Schulversuch, also das Abitur nach 12 Jahren. Natürlich haben auch schon alle Schulen darauf umgesattelt. Das macht die Umstellung auf die neue Regelung, die die neue Landesregierung veranlasst hat, wesentlich schwieriger. Jetzt können Schulen selber entscheiden, ob sie 12 oder 13 Jahre Abitur anbieten.

Schulen, die wieder zu 13 Jahren zurück wollen, haben es da sehr schwer. Dieser Schulversuch ist im Grunde nicht umsetzbar. Die andere Variante des Schulversuchs, die Gemeinschaftsschule, wurde wohl ermöglicht, weil es schon eine Gesamtschule gibt und im Grunde das gemeinsame, integrative Lernen im Konzept der Gesamtschule schon verankert und an vielen Stellen auch schon sehr gut umgesetzt ist. Und da die Gemeinschaftsschule allerdings eine bessere Ausstattung hat, finanziell und vom Personal her, ist das natürlich eine große Konkurrenz für Gesamtschulen.

UZ: Wo liegt der Unterschied zwischen Gemeinschafts- und Gesamtschulen? Nur in der Ausstattung oder?

Yinka Aranmolate: Nein, da gibt es auch noch andere Unterschiede, und zwar ist bei der Gemeinschaftsschule keine Oberstufe vorgesehen. Außerdem sollen die Kinder der 5. und 6. Klasse zusammen lernen und dann nach der 6. Klasse können die Schulen entscheiden, ob sie die Schüler delegieren und z. B. in Real-, Haupt-, und Gymnasialklassen aufteilen.

UZ: Nicht Eltern oder Schüler selbst??

Yinka Aranmolate: Eltern, Schule und Gemeinde sollen darüber entscheiden, die Schüler werden leider nicht erwähnt. Unserer Meinung nach sollte dies aber eine Entscheidung der Schulkonferenz sein, in der sowohl Schüler, Lehrer als auch Eltern Stimmrecht haben. Allerdings ist dieses Konzept vor allem ausgerichtet auf die ländlichen Regionen.

UZ: Weil da die Schülerdichte so gering ist.

Yinka Aranmolate: Genau, und man will natürlich möglichst wenig Schulen schließen und große Schulkomplexe zusammenfassen. Was aber nicht, wie in der Gesamtschule, tatsächlich dieses gemeinsame Lernen fördert, wenn nach der 6. Klasse selektiert wird. Darin sieht die LSV ein großes Problem.

UZ: Das hört sich nach einem ziemlichen Chaos an. Was wäre nach eurer Meinung denn jetzt die richtige Politik im Schulbereich?

Yinka Aranmolate: Es gibt bereits ein riesiges Chaos in der Schulpolitik in NRW und das, was jetzt die Landesregierung macht mit diesem Schulformentwurf, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Bei G8 müsste man eine Schadensbegrenzung betreiben, anstatt ein weiteres Chaos zu verursachen, z. B. den Schülern die Möglichkeit geben, mit G8 erst mal klarzukommen.

UZ: Worauf sollte es denn in euren Vorstellungen hinauslaufen? Sollte die Gesamtschule flächendeckend sein, und sollte das auch einschließen, dass sämtliche Schüler an den Gesamtschulen sind, wofür Inklusion der Fachausdruck ist, wie ich mir hab sagen lassen.

Yinka Aranmolate: Richtig. Das Konzept, das wir fordern, ist die inklusive Ganztagsgesamtschule als Regelschule. Damit eine inklusive Schule funktioniert, müssen wirklich alle mit eingeschlossen werden können, ganz egal, wo sie herkommen, egal, welchen Förderbedarf sie haben, oder welche Gegebenheiten sie von zu Hause mitbringen. Das Allerwichtigste ist, dass es individuelle Förderung gibt. Wir von der LSV wünschen uns eine klare Linie. Dass man weiß, woran man ist und Schritt für Schritt zum inklusiven Schulsystem vorangeschritten wird. Uns ist wichtig, dass dabei nicht die Schüler außen vor gelassen werden.

UZ: Wenn ich das richtig gelesen habe, dann ist es ja so, dass in den Schulkonferenzen wieder ein Drittel Lehrer, ein Drittel Eltern und ein Drittel Schüler paritätisch abstimmen sollen. Das ist doch sicher ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg? Wird das tatsächlich umgesetzt?

Yinka Aranmolate: Ja, wir denken schon, dass das umgesetzt wird. Das wurde uns auch so zugesichert und ist sicher eine wichtige Maßnahme, um mehr Demokratie in den Schulen zu schaffen.

UZ: Kommen wir zu den anderen Themen. Man liest immer wieder, dass die Bundeswehr verstärkt in Schulen reingeht. Welche Haltung hat die Landesschülervertretung dazu?

Yinka Aranmolate: Die Landesschülervertretung lehnt es strikt ab. Vor allem den Kooperationsvertrag zwischen der Bundeswehr und dem Land sehen wir als sehr problematisch an. Der Bundeswehr wird ein Privileg gestattet. Wir können nicht sehen, wieso eine Institution einfach so in die Schulen spazieren kann. Gleichzeitig lehnen wir das ab, weil es uns nicht gefällt, wie die Bundeswehr in die Schulen geht. Das sind Jugendoffiziere, gut ausgebildete Leute, die mit sehr viel Strategie dort ankommen und tatsächlich darauf geschult sind, den Jugendlichen den Wehrdienst und sowieso den Berufseinstieg, den die Bundeswehr macht, bestmöglichst zu verkaufen. Das bedeutet, die Schüler bekommen keine neutrale Sichtweise vermittelt. Die Technik und anderes wirken erst mal cool. Mit Manipulation sollte nicht gearbeitet werden, vor allem nicht in der Schule. Außerdem ist es natürlich auch so, dass die Bundeswehr nicht normal arbeitet. Soldaten sterben in Afghanistan und vor allem werden sie zum Töten ausgebildet. Und wir halten es für nicht korrekt, das so an Schüler heranzutragen.

UZ: Finden Aktionen dagegen statt und beteiligt ihr euch daran?

Yinka Aranmolate: Wir haben vor allem im Blick, in welche Schulen die Bundeswehr kommt und informieren die einzelnen Schülervertretungen. Die SVen können dann versuchen, die Schulleitung davon zu überzeugen, dass die Bundeswehr gar nicht erst kommt. Aber vor allem können sie die Schüler aufklären, was es damit genau auf sich hat. Schon mehrfach mussten Jugendoffiziere abziehen, ohne irgendwen erreicht zu haben.

Die Fragen stellte
Adi Reiher