Timo Budszuhn sprach für die SDAJ:

Liebe Genossen und Genossinnen,

liebe Mitbürger der Dortmunder Nordstadt,

vor 84 Jahren wollte die faschistische SA durch die Nordstadt marschieren. Auch damals lebten hier schon Menschen verschiedenster Herkunft und Religion. Auch damals haben hier schon Menschen gewohnt, die Monat um Monat schauen mussten, wie sie über die Runden kommen. Sie alle verband die Not, die tägliche Plackerei und die Willkür, mit der sie von ihrem Chef und der Polizei behandelt wurden. Als dann die faschistische SA mit ihrem Gebrüll von Rasse und Volksgemeinschaft hier durch marschieren wollte, sagten die Nordstädter: „Nein! Ein Angriff auf einige von uns dient nur dem Angriff auf uns alle! Die Religion und die Herkunft unserer Nachbarn ist kein Problem für uns, sondern unser aller Problem sind die Bosse und Konzernbesitzer. Sie lassen einen Teil von uns zu Tode schuften, während der Rest betteln muss!“

Als die Faschisten hier auf Widerstand stießen, half ihnen bereitwillig die Polizei wie sie es auch heute immer wieder und wieder tut. Die Polizei schoss damals auf die Nordstädter, die sich den Faschisten in den Weg stellten. Wie viele sie dabei verletzten und töteten, war ihnen egal, es waren ja nur Arbeiter der Dortmunder Nordstadt. Auch heute marschieren, besonders hier in Dortmund, immer wieder Faschisten und die Polizei boxt ihnen den Weg frei. Auch heute tritt die Polizei uns, den Bürgern und Bürgerinnen der Nordstadt mit Verachtung und Geringschätzung entgegen. Auch heute nutzen Polizei und Justiz rassistische Erklärungsmuster, ob bei NSU oder bei sogenannten verdachtsunabhängigen Kontrollen.

Wir gedenken hier der Opfer der rassistischen Polizeigewalt von 1932, weil das alles keine Einzelfälle waren und keine Einzelfälle sind!

Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,

in den 20er und 30er Jahren leistete die Nordstadt nicht nur Widerstand gegen die Faschisten. Die Menschen der Nordstadt wussten auch damals nicht, ob sie nächsten Monat Arbeit haben werden oder nicht. Sie wussten nicht, wie sie sich neue Klamotten kaufen oder die Miete bezahlen sollten. Ein Teil der Menschen hatte Arbeit und schuftete sich die Knochen kaputt, um was zu futtern zu haben. Und die keine Arbeit hatten, taten alles um dem Hunger zu entkommen. Diese Not kannten sie alle und sie wussten, woher diese kommt. Während sie nämlich Tag für Tag schufteten, um gerade etwas zu essen zu haben, kutschierten die Hoesch, die Krupps, die Thyssens und andere Großindustrielle in neuen Autos herum und tranken Sekt.

Um der Not, der zerstörerischen Plackerei und der hungernden Arbeitslosigkeit zu entkommen, kannten sie ein Ziel und eine Losung: „Arbeit für alle und zwar so, dass keiner daran kaputt geht!“ Da die Fabrikbesitzer das nie durchsetzen wollten, hieß es auch: „Die Fabriken denen die arbeiten! Und die Häuser denen die darin wohnen!“ Um das zu erreichen, kämpften sie mit den Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei Deutschlands.

Wir gedenken heute hier der Generationen von Männern und Frauen, die hier dafür kämpften, dass wir nicht nur zur Arbeit Geduldete in diesem Stadtteil sind, sondern zusammen mit allen anderen Werktätigen Herren in diesem Land!

Unterhalten Sie Ihren Besucher! Machen Sie es einfach interessant und originell. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt und seien Sie spannend.

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Doris Borowski sprach für die DKP:

Liebe Freundinnen, Freunde, Genossinnen und Genossen!

14 Jahre sind es, dass die DKP – zunächst mit dem Linken Bündnis Dortmund – hier an der Stele des Nordmarktes des Nazi-Überfalls auf die Nordstadt Dortmunds und damit des Widerstandes der Menschen dieses Stadtteils gegen den braunen Terror gedenkt!

14 Jahre, in denen Nazi Übergriffe auch und in hohem Maße gerade in Dortmund zugenommen haben – reicht da ein Gedenken aus? Sicher nicht, aber – wir brauchen den historischen Rückblick, erst durch ihn können wir formulieren: Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen! Für Faschisten – das zeigt die Geschichte und leider auch die Gegenwart – darf es keinen Platz, keine Straße, kein Gebäude geben!

Doch zunächst der Blick zurück: Was geschah am Sonntag, den 16. Oktober 1932? Bereits in den Tagen vor dem 16. Oktober berichtete die Dortmunder Presse von Überfällen, Messerstechereien von Nationalsozialisten und SA-Leuten auf Arbeiter vor allem aus der Nordstadt.

Der Dortmunder Norden ist ein Arbeiterviertel und besonders von der Wirtschaftskrise getroffen. Dortmund war insgesamt in vergleichsweise hohem Maße von Arbeitslosigkeit betroffen. 33% der Bevölkerung waren ohne Arbeit, 40% auf öffentliche Unterstützung angewiesen.

Aus Elli Dost: „Im Norden geht die Sonne auf“ S. 40

„ … Mit meiner Mama politisierten wir oft. Die Arbeiter in unserem Stadtviertel hatten Hitler nicht gewählt, sie waren größtenteils links eingestellt. Sie sangen über Jahre hinweg das Lied, das um die Welt ging:

Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht.

Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.

Dieses Lied haben wir als Schulkinder auch schon immer gesungen. Ich ging in eine Freie Schule, in der Schillerstraße, das Fach Religion gab es da nicht. Als ich dort in der Oberklasse war, sagte der Lehrer zu mir, na, du kannst ja am besten Gedichte aufsagen, willst du eines lernen und im Gewerkschaftshaus vortragen?! Ich war vor Freude ganz aus dem Häuschen. Ich lernte fleißig mit meinem Bruder Paul. Er foppte mich, wenn ich mit heißen Backen deklamierte:

Not und Sorgen!

Früh morgens um fünf der Wecker schrillt

für die kapitalistischen Sklaven.

Der Körper ist wieder erholt, gestählt,

der Mensch hat lange genug geschlafen.

Wortlos er sein Stück Brot verzehrt,

mit Margarine bestrichen.

Seine Klagen blieben unerhört,

nie ist die Not von ihm gewichen.

Die Not, die nur den Proleten erfaßt,

die ihn verfolgt bis zum Grabe.

Die Wangen hohl, der Blick verschleiert,

dann braucht ihn der Kapitalist nicht mehr,

doch Gnadenbrot geben fällt ihm zu schwer.

Dem Staate fällt zur Last die verbrauchte Kraft,

der Mensch, der sein Leben lang schwer geschafft

und trotzdem nichts erspart, errafft.

Mit Bettlergroschen er sein Leben erhält.

Denn was der Staat gibt an Rentengeld

kann kaum fürs Brot im Monat reichen.

So geht’s den Armen –

wie geht’s den Reichen? …“

Jedoch nehmen die Menschen ihre Lage nicht bedingungslos hin, immer wieder führen Gewerkschaften, KPD und SPD Demonstrationen, Streiks und Hungermärsche für die Verbesserung der sozialen Lage durch.

Soziale Demagogie und offener Terror der Faschisten haben in der Dortmunder Nordstadt bisher keinen großen Erfolg gehabt, Arbeiterwiderstand und antifaschistische Aktionen sind hier – auch vier Monate vor der Machtübertragung an Hitler – ungebrochen aktiv und lebendig.

Dies ist der politischen Reaktion, der NSDAP und dem hinter ihnen stehenden Kapital ein Dorn im Auge. Von Papen, Vertreter der Rechten, betont, dass „kein Mittel scharf genug sein kann, um kommunistische Ideen mit Stumpf und Stiel auszurotten“. Er spricht am 16. Oktober 1932 vor „Wirtschaftsführern“ im Dortmunder Stadttheater. Seine Regierung steht für Notverordnungen, Entdemokratisierung und Zunahme des Massenelends.

An diesem Tag versammeln sich am Westfalendamm etwa 800 bis 1000 uniformierte Nationalsozialisten: angeblich, um in der Nordstadt „eine Flugblattaktion durchzuführen.“ Der Dortmunder Polizeipräsident Zörgiebel sorgt für verschärften Streifendienst im Norden und Polizeischutz für die Nazis, die in mehreren Trupps von 80 bis 100 Mann über Weißenburger- und Münsterstraße in die Nordstadt geleitet werden.

Gegen diese Provokation der Faschisten kommt es an mehreren Stellen zu massiver Gegenwehr der Bewohnerinnen und Bewohner, besonders in der Alsenstraße, Stollenstraße und der Mallinckrodtstraße. Zwischen 10.30 und 11.30 Uhr ereignen sich Straßenschlachten und Schießereien, in deren Folge der Vorarbeiter Ernst Graberg und Martha Gregarek tödlich getroffen, und 14 Menschen schwer verletzt werden.

Nach etwa einer Stunde werden die Nazis von der Polizei wieder in den Dortmunder Süden zurück geleitet.

An den nächsten Tagen kommt es zu zahlreichen Protesten, so führt die Hochofenbelegschaft von Union einen halbstündigen Proteststreik durch.

Dagegen zeigen die Schlagzeilen der bürgerlichen Presse: „Nationalsozialisten von Kommunisten beschossen“ – „Zum Kommunistenüberfall im Norden“ – „ Heftige Zusammenstöße von Nazis und Kommunisten“ wie die Ereignisse umgedeutet, Täter und Opfer ausgewechselt werden.

Drei Tage später finden Hausdurchsuchungen im Norden statt, angeblich sucht man Waffen – von Maßnahmen gegen die am Überfall beteiligten Nazis wird nichts berichtet.

Die Bewohner der Nordstadt bleiben wachsam und alarmiert, was die Nationalsozialisten von weiteren „Flugblattaktionen“ abhält. Ein Erfolg der entschlossenen Bewohnerinnen und Bewohner der Nordstadt.

So die Reaktionen damals! Vier Monate später wird Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.

Aus Elli Dost: „Im Norden geht die Sonne auf“ S. 43/44

„ … nun marschierte die SA durch die Straßen. Die galizischen Juden, die im Dortmunder Norden wohnten, wurden aus den Häusern geholt, getreten und geprügelt. Ihre Klamotten warf man aus den Fenstern auf die Straße. Ich kam gerade aus der Stadt, als ich das sah. Oh du lieber Himmel, dachte ich.

Einige Zeit später saß ich mit meinem Sohn und meiner Mama am Nordmarkt an der Claustalerstraße. Da war etwas Grün, da gingen die Menschen hin, um etwas Erholung zu bekommen. Meine Mama hockte da oft auf einer Bank, strickte und stopfte Strümpfe; die Menschen erzählten von ihren Nöten. – Jetzt wurde nur noch getuschelt.

Auf einer Bank saß ein Mann, einer von den Linken, den Rotfrontkämpfern. Die SA marschierte an ihm vorbei. Sie sangen:

Die Straße frei den braunen Bataillonen,

SA marschiert mit ruhig festem Schritt …

Das Lied verstummte, der Zug hielt. Können Sie nicht grüßen? Sagte einer von den SA-Leuten.

Guten Tag, sagte der Mann.

Es heißt HEIL HITLER, schrie der SA-Mann.

Guten Tag, sagte der Mann auf der Bank.

Da schlugen sie ihn mit den Gewehrkolben zum Krüppel. …“

Liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen!

Wie viele Morde, Übergriffe, Drohungen und Anschläge von Rechten sind in den 14 Jahren, in denen wir an die faschistischen Opfer 1932 hier am Nordmarkt erinnern, in Dortmund geschehen?

Aber: Im September fanden sich über 40 antifaschistische Gruppen, Organisationen und Parteien in einer Kampagne zusammen, die sagt: “ Es reicht – stoppt rechte Gewalt!“

Am 24. September fand unter diesem Motto eine beeindruckende Demonstration durch Dortmund statt.

Dies muss ein gemeinsamer Anfang sein, gegen rechte Gewalt, aber auch ihre Verharmlosung in Politik und Presse.

Aus: „Der Freiheit eine Gasse“ S.84, Julius Fucik: „Ihr, die ihr diese Zeit überlebt.“

Der tschechische Kommunist Julius Fucik wurde mit 185 weiteren Widerstandskämpfern 1943 in Plötzensee enthauptet. In seinen nachgelassenen Notizen heißt es:

„ … Ihr, die ihr diese Zeit überlebt, vergesst nicht. Vergesst die Guten nicht und nicht die Schlechten. … Ich möchte, dass man weiß: Dass es keine namenlosen Helden gegeben hat, dass es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung hatten, und dass deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt. … Denn die Menschenpflicht endet nicht mit diesem Kampf, und ein Mensch zu sein wird auch weiterhin ein heldenhaftes Herz erfordern, solange die Menschen nicht ganz Menschen sind. …“

Liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen,

rechtes Gedankengut wird geschürt mit der Menschenverachtung gegenüber den Flüchtlingen, die das Ergebnis der Kriege im Nahen Osten und Afrikas sind.

Lassen wir Hetze, Provokationen, Rassismus der Neonazis nicht zu!

Benennen wir die Verursacher der heutigen Kriege, die Verursacher von unendlichem Leid! Stellen wir klar, wer an Krieg und Flüchtlingselend verdient – denn, so sagte Max Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen!“