Heiße Eisen sprach mit Stefan von der DKP Stadtteilgruppe Dortmund Nord. Wir danken für die Genehmigung der Veröffentlichung.

Die Dortmunder Nordstadt ist in den regionalen Medien derzeit ein Dauerbrenner. Wir lesen und hören von Straßenprostitution, Kriminalität und verwahrlosten Häusern. Wie sieht die Stadtteilgruppe die Situation?

Stefan, du wohnst in der Nordstadt. Hast du Angst, abends auf die Straße zu gehen?

Nein, habe ich nicht. Das Leben in der Nordstadt stellt sich völlig anders dar, als in den Medien geschildert. Hier musst du nicht mehr oder weniger Angst haben als in anderen Stadtteilen.

Aber mal im Ernst: In der Nordstadt konzentrieren sich viele Probleme einer Großstadt. Wie konnte es dazu kommen?

Dieser Stadtteil wurde von der Politik lange vernachlässigt. Früher wohnten hier die Arbeiter von Hoesch und anderen großen Betrieben, aber diese wurden alle geschlossen. Viele Arbeiter zogen woanders hin, in die freien Wohnungen zogen vor allem Menschen mit wenig Geld. Heute ist die Nordstadt der Stadtteil mit der höchsten Arbeitslosenquote, mit der ausgeprägtesten Armut, aber gleichzeitig ist es der kinderreichste Stadtteil. Erst in den letzten Jahren versucht die Stadt Dortmund, die Lebensbedingungen zu verbessern, aber außer ein paar aufgehübschten Fassaden ist eigentlich nichts dabei herausgekommen.

Viel diskutiert wurde über den Straßenstrich, der Dortmunder Stadtrat hat beschlossen, die Straßenprostitution im gesamten Stadtgebiet zu verbieten. Wie steht ihr zu dieser Entscheidung?

Das ist so ziemlich das verkehrteste, was man machen kann. Das ist typisch für die Dortmunder Lokalpolitik: Was uns nicht gefällt, das verbieten wir! Aber durch ein Verbot ist die Straßenprostitution ja nicht weg, wir befürchten, dass sich jetzt erst recht die Prostitution in die Wohngebiete verlagert. Auch für die betroffenen Frauen befürchten wir schlimmes, da in der Illegalität nicht der geringste Schutz für sie besteht. Auch für Hilfsprogramme sind sie nicht mehr erreichbar.

Viele der Frauen kommen aus Bulgarien und Rumänien.

Das stimmt. Eine große Zahl der Frauen sind Roma aus der Stadt Plovdiv in Bulgarien. Dort leben sie ausgegrenzt in elenden Verhältnissen und unter ständiger Bedrohung rassistischer Angriffe. Richtig wäre es, aus rassistischen Motiven verfolgten Menschen, und so ist das mit den Roma in vielen Ländern Osteuropas, in Deutschland Asyl zu gewähren. Aber statt dessen werden sie auch hier ausgegrenzt. Die antiziganistische Hetzte von Lokalpolitikern und in der lokalen Presse sind für mich unerträglich. Nun soll die Polizei die Probleme in der Nordstadt lösen, der Oberbürgermeister lässt die Hunde von der Kette. Mit Law and Order Politik sind Arbeitslosigkeit und Armut nicht zu bekämpfen, das hat sich aber bis SPD und CDU noch nicht herumgesprochen.

Ein weiteres Problem stellen verwahrloste Häuser dar. Wieso verfällt in der Nordstadt der Wohnraum?

Auch das wird maßlos übertrieben. Erstens ist das auf einige kleinere Bereiche beschränkt, und zweitens müssen hier die Immobilienbesitzer in die Pflicht genommen werden. Es hat doch keinen Sinn, auf den Bewohnern herum zu hacken.

Abschließend eine letzte Frage: Womit beschäftigt ihr euch sonst, wenn ihr keine Fragen beantworten müsst?

Wir beschäftigen uns mit vielen Themen im Stadtteil, das geht vom fehlenden Zebrastreifen bis zum Engagement gegen Nazis. Erfolgreich mitgearbeitet haben Genossinnen und Genossen z. B. in den Initiativen für den Erhalt des Freibads Stockheide und zur Aufdeckung des PCB Skandals im Dortmunder Hafen. Wir führen regelmäßig Infostände durch und beteiligen uns an größeren und kleineren Festen. Zu den größeren gehört das Münsterstraßenfest, wo wir immer mit einem eigenen Beitrag vertreten sind. Zweimal im Monat finden unsere Gruppentreffen statt, auf denen wir diskutieren und planen, aber es bleibt auch Zeit für Kurzweil und eine Flasche Bier.