HP_1„Avanti lebt, Avanti kämpft!“ – diesen Satz konnte man in der vergangenen Woche an vielen Orten in der Dortmunder Nordstadt sowie der City hören und lesen. Wer sich auch nur an einem der Programmpunkte der Freiraum-Kampagne beteiligt oder die Aktivitäten verfolgt hat, kann bestätigen, wie wahr diese Aussage ist. Mit einem vielfältigen Programm aus Filmvorführungen, Vorträgen, Diskussionsrunden, Kunstaktionen, Kundgebungen, Partys, Workshops und manchem mehr hatte die Initiative Soziales Zentrum Avanti vom 6. bis zum 12. April nach Dortmund geladen. Das Programm konnte offensichtlich überzeugen, denn nicht selten platzten die Veranstaltungsorte aus allen Nähten. Aus Dortmund, der Umgebung und selbst aus anderen Bundesländern kamen interessierte Menschen zum Erfahrungsaustausch, zum Mithelfen und Feiern. Die im August 2014 mit der Besetzung und siebentägigen Nutzung der leer stehenden Albertus-Magnus Kirche in der Enscheder Straße ins Leben gerufene Initiative startete mit der Kampagne aus der Winterpause. Denn nach regelmäßigen Tresenabenden, kreativen Aktionen zur Nutzung des öffentlichen Raumes, wie einer Kissenschlacht auf dem Nordmarkt und realen wie symbolischen Besetzungen war es ruhiger geworden. Im Folgenden werden wir einige unserer Erfahrungen und Impressionen teilen, die wir aus der tollen Aktionswoche mitgenommen haben.

Leerstand markiert und besetzt

Die Woche startete früher als erwartet, in der Nacht von Samstag (4.4.2015) auf Sonntag mit der Besetzung eines ehemaligen Gartencenters in der Bornstraße 245 durch SympathisantInnen der Initiative Avanti. Leider entschied sich der Besitzer sehr schnell gegen Verhandlungen mit den BesetzerInnen. HP_7So konnte die Polizei in das Gebäude eindringen und die Besatzung beenden. Glücklicherweise fiel bei der Aktion niemand in die Hände der Repressionsorgane. Eine Solikundgebung vor dem Haus verleihte der Forderung nach einem unkommerziellen und selbsverwalteten Sozialen Zentrum Nachdruck. Im Laufe der Woche wurden nun immer wieder leerstehende Häuser symbolisch besetzt und so der seit Jahrzehnten andauernde Leerstand in der Stadt aufgezeigt. Einen guten Überblick bietet in diesem Zusammenhang auch die Homepage Leerstandsmelder.
Den symbolischen Besetzungen folgte in der Nacht von Freitag auf Samstag dann die tatsächliche Besetzung eines ehemaligen Aldi-Supermarktes im Lütgenholz 43 am Rande des Brunnenstrassenviertels. Bis zu 90 UnterstützerInnen sammelten sich in nach der Besetzung vor dem Haus. Mit Transparenten, Sprechchören und einer ersten Einrichtungsspende in Form eines Sofas wurde die Aktion unterstützt. Als ersichtlich wurde, dass lokale Neonazis sich in der Nähe sammelten, reagierten die UnterstützerInnen mit einer Abwandlung des Rauch-Haus-Songs: „Das ist unser Haus – Schmeißt doch endlich Brück und Bals und Giemsch aus Dortmund raus“. Leider machte die Dortmunder Polizei weitere Einrichtungspläne mit einer Räumung schnell zunichte. Diesmal nahm sie dabei etwa 10 BesetzerInnen fest und verfrachtete sie zum Polizeipräsidium. Ein Teil der UnterstützerInnen zog daraufhin spontan dorthin, um die AktivistInnen nicht alleine zu lassen. HP_4Zu nennen sei hierbei, dass die Polizei, obwohl sie Kontakt mit dem Besitzer aufgenommen hat, trotzdem das den Zaun aufgeschnitten hat und das Tor mit einem Rammbock aufgebrochen hat. Dieser Schaden wäre mit der Nutzung eines Schlüssels zu diesem Gebäude zu vermeiden gewesen. Das sollte  künftigen Hausbesitzern als Warnung dienen, sollten sie die Polizei mit der Räumung ihrer ungenutzter Räume beauftragen.
Ein Höhepunkt dieser Woche war sicher auch die Freiraumparade am vergangenen Samstag (11.4.2015), welche bunt und lautstark für ein Soziales Zentrum warb und von vielen PassantInnen positiv aufgenommen wurde.

Vernetzung, Input, Party

Die Besetzungen und die Demo sind jedoch nur ein Teilaspekt dieser Aktionswoche. Bei den lokalen Medien kam das anscheinend nicht an, da diese sich auf Berichterstattung zu den Besetzungen beschränkten. HP_8So fanden eine Reihe weitere Veranstaltungen statt. Mit Workshops zu Demo-SanitäterInnen, Flyergestaltung und Einführungen in die Gestaltung von Stencils, Buttons etc. sowie Inputs zu Rechtshilfetips für HausbesetzerInnen und Datensicherheit wurden praktische Kenntnisse vermittelt. Wie Kämpfe um Freiräume aussehen können berichteten AktivistInnen der Initiativen Recht auf Stadt Ruhr, des Netzwerk X und aus der Villa in Bochum. Weitere Impulse setzten einige Dokumentationen über soziale Kämpfe im städtischen Raum, wie Mietrebellen über die Entwicklung der Mieterinitiativen in Berlin und Buy, buy St. Pauli über den Kampf um die Esso-Häuser. Am Freitag wurde mit einem Vortrag und einem ZeitzeugInnen-Gespräch ein vielfältiger Blick zurück in die bewegte Geschichte Dortmunder Hausbesetzungen in den 19070ern und 1980er Jahren geworfen. Insgesamt wurde deutlich, dass Freiraum in Form von Häusern vieles umfassen kann: unabhängigen Wohnraum, Raum für Kunst und Kommunikation, einen Infoladen für die Szene und vieles mehr. HP_9Wo potentielle Orte dafür sind, zeigte auch eine Leesrstands-Schnitzeljagd auf. Da auch der motivierteste Kampf noch immer nicht ohne Mampf auskommt, organisierte die Initiative diverrse, dankbar angenommen, Mahlzeiten. Die Abendstunden wurden mit Livemusik und Party gefüllt. In wechselnden Lokalitäten gab es Hip Hop, Liedermacher, Punk und anderes auf die Ohren. Dank des Einsatzes vieler helfender Hände konnten immer wieder schicke Transpis, T-Shirts und anderes bestaunt und unter die Leute gebracht werden. Einen Überblick zu den Aktivitäten der einzelnen Tage bieten auch die Tagesberichte der Initiative: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag.

Der Obrigkeit ein Dorn im Auge

HP_10Seitens der Polizei ernteten die Freiraumtage eine besondere Aufmerksamkeit. Diese drückte sich, neben der obligatorischen Begleitung aller Aktionen mit einer Riege von ZivilpolizistInnen, durch allerlei Schikanen aus. So wurde das öffentliche Grillen am Mittwoch unterbunden und am Donnerstag AktivistInnen willkürlich der Zutritt zum Hafengebiet und Fredenbaumpark untersagt. Ebenso wurde die Anmeldung von Kundgebungen bei der Besetzung des ehemaligen Supermarktes nicht gestattet. Bereits am Freitag nachmittag verzögerte sich die Leerstand-Schnitzeljagd aufgrund von langwierigen Personenkontrollen im Polizeikessel. Die Dortmunder Polizei erhöhte in der Woche ihr Streifenaufkommen in der Nordstadt merkbar und postierte zeitweilig BeamtInnen vor leerstehenden Häusern. Mit der Aufforderung an AnwohnerInnen verdächtige Aktivitäten zu melden wurde das Schreckgespenst Besetzung sprichwörtlich an die Wand gemalt. Die AktivistInnen ließen sich hiervon jedoch nicht abschrecken. Die diversen Besetzungen durch FreundInnen der Idee Avanti zeigen, dass eine lückenlose Überwachung der Nordstadt nicht funktioniert.

Perspektiven entwickelt

Die Reflexionsrunde am Sonntag formulierte abschließend einige Perspektiven und Optionen für die Initiative und ihre UnterstützerInnen. Zu hören war viel positives Feedback, praktischen Tipps und Anregungen für das weitere Vorgehen. Die Kampagne wurde als erfolgreich ausgewertet, da sie zur Vernetzung und Aktivierung beitrug und sichtbar machte, dass man zusammen eine ganze Menge auf die Beine stellen kann und der Spaß dabei nicht auf der Strecke bleiben muss. Trotz geringer Aufmerksamkeit durch lokale Medien konnten über Social Media und eigene Medien neue Leute erreicht werden, wenn auch ein breites Umfeld wie bei der Besetzung der Albertus-Magnus-Kirche (noch) nicht wieder zustande kam. Wie dies zukünftig HP_3erreicht werden kann war ein Schwerpunkt der Reflexion. Die Anregungen der TeilnehmerInnen für das weitere Vorgehen verdeutlichten, dass die Initiative ein Bedürfnis nach selbstverwaltetem Freiraum zu wecken und auszudrücken vermag. Sie erfährt dabei aus verschieden Richtungen Unterstützung und hat offenbar den Willen weiterhin unbequem zu sein. Aktuell liegen die Verhandlungen mit der Stadt zwar auf Eis, da das Liegenschaftsamt angeblich keine Räume für eine Nutzung anbieten kann. Und bislang konnte auch noch keines der Gebäude dauerhaft gehalten werden. Doch die Idee Avanti und die Motivation sie zu leben bleibt. Und die Anzahl derer, die dies tun, wächst allmählich. Insofern kann die Kampagne als ein Auftakt für einen kreativen Sommer gesehen werden. Unserer Solidarität kann sich die Initiative dabei sicher sein.

Zum Weiterlesen: Avanti Blog und Facebook-Seite